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Im Gespräch mit Prof. Dr. Frank Überall

Warum eine Demokratie Journalisten braucht, die vor Ort hinschauen

Frank Überall war Jahrzehnte als Reporter unterwegs, vom Stadtarchiv bis zur Flut. Ein Gespräch über Wahrheit, Desinformation durch KI und darüber, was passiert, wenn vor Ort niemand mehr berichtet.

David OdenthalGastgeber von TRIEBWERK 4 Min.
Prof. Dr. Frank Überall im Gespräch mit David Odenthal im Podcast TRIEBWERK
Bild: TRIEBWERK Podcast

Wer sich heute informieren will, steht vor einer Menge an Quellen, die kaum noch zu überblicken ist. Gleichzeitig verschwinden Zeitungen, und mit künstlicher Intelligenz lassen sich täuschend echte Bilder und ganze Nachrichtenseiten nachbauen. Wie Journalismus unter diesen Bedingungen noch funktionieren kann, darüber habe ich mit Prof. Dr. Frank Überall gesprochen. Er war 28 Jahre für den WDR als Reporter im Radio und Fernsehen unterwegs, ist Chefreporter der Kölnischen Rundschau, Sozialwissenschaftler, Buchautor und ehemaliger Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands.

Ein Reporter, der immer nach der Geschichte sucht

Frank Überall hat die ganze Bandbreite des Berufs erlebt. Er hat als Jugendlicher eine Schülerzeitung gegründet, als freier Journalist Geschichten angeboten, statt sich zu bewerben, und später unter anderem für die taz, Spiegel Online, die Deutsche Presse-Agentur und auch für die Bild-Zeitung gearbeitet. Beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat er nach eigener Aussage zwei Wochen auf dem Übertragungswagen gelebt und ein Live-Gespräch nach dem anderen geführt. Nach der Flut im Rhein-Erft-Kreis war er in Erftstadt-Blessem und hat eine betroffene Familie über Jahre für WDR 5 begleitet, jeweils zum Jahrestag. Die Bilder von Fotoalben, die zwischen Schlamm und Müll am Straßenrand lagen, werde er nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Wissenschaftlich ist er Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt politische Soziologie und hat über den Kölner Klüngel promoviert. Er hat außerdem als Professor Journalistik unterrichtet. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der sich schnell langweilt und Herausforderungen braucht.

Funktionieren wie ein Rettungssanitäter

Mich hat interessiert, was diese Arbeit mit einem Menschen macht. Frank Überall vergleicht seinen Job in solchen Lagen mit dem eines Rettungssanitäters. Man müsse im Moment funktionieren. Er erzählte von einem Unfall auf der Autobahn, bei dem ihn ein Polizist heftig beschimpfte. Erst später erfuhr er, dass er in ein Wrack gefilmt hatte, unter dessen Folie ein toter Mensch lag. Er hatte das durch die Kamera nicht gesehen. Gesendet werde ohnehin erst nach redaktioneller Auswahl, und solche Bilder würde er niemals senden. Kolleginnen und Kollegen hätten nach solchen Einsätzen psychologische Unterstützung gebraucht. Er selbst habe Glück gehabt. Eine Grenze gibt es aber auch für ihn: Nachdem er einen Strafprozess über sexuellen Missbrauch von Kindern begleitet hatte, beschloss er, über dieses Thema nicht mehr zu berichten.

Wahrheit als Annäherung

Auf meine Frage nach der Wahrheit antwortete er als Sozialwissenschaftler. Auch wer vor Ort ist, hat einen subjektiven Blick. Wer bei der Flut verzweifelte Menschen sieht, übersieht vielleicht den einen, der so gut versichert war, dass er am Ende profitiert. Deshalb gehöre es zum Berufsethos, immer wieder selbstkritisch zu prüfen, ob man auf dem Weg zur Wahrheit ist oder einen Denkfehler gemacht hat.

„Wir versuchen eine bestmögliche Abbildung der Realität.“

Diese Arbeit kostet Geld, und immer weniger Menschen sind bereit, dafür zu bezahlen. Die Kölnische Rundschau gibt es nach seiner Darstellung als eigenständige Zeitung nicht mehr, ihre Inhalte werden inzwischen von DuMont zugeliefert. Gleichzeitig bieten Polizei und Feuerwehr eigene Fotos und Videos an. Das ist bequem, hat aber eine Schwäche: Fehler im eigenen Einsatz wird keine Pressestelle zeigen.

Wenn niemand mehr hinschaut

Besonders nachdenklich hat mich ein Hinweis aus den USA gemacht. Frank Überall engagiert sich ehrenamtlich im Beirat von Transparency, der Antikorruptionsorganisation, und verwies auf Studien, nach denen dort, wo es keine unabhängige lokale Berichterstattung mehr gibt, die Korruption zunimmt.

„Wenn im Rathaus keiner mehr hinguckt, wenn in Wirtschaftsunternehmen vor Ort keiner mehr kritisch draufblickt und berichtet und einordnet, dann kann man natürlich machen, was man will.“

Hinzu kommt gezielte Desinformation. Mit wenig Aufwand lassen sich heute Seiten bauen, die aussehen wie bekannte Medien, mit gespiegeltem Layout, teilweise echten Artikeln und dazwischen erfundenen Inhalten. Sein Rat für den Alltag ist schlicht: genau auf die Adresse achten. Die Frankfurter Allgemeine etwa ist unter faz.net erreichbar. Auch bei Vergleichsportalen lohnt der Blick, wer eigentlich dahintersteht. Dazu kommt, dass Negativität nachweislich ein Nachrichtenkriterium ist und Verlage, die ums Überleben kämpfen, zuspitzen. Viele Menschen reagieren darauf mit Nachrichtenvermeidung. Als Gegenmodell nannte er den konstruktiven, lösungsorientierten Journalismus, wie ihn etwa das Bonn Institute verfolgt, der unterschiedliche Haltungen und mögliche Lösungen darstellt, statt Politik wie ein Fußballspiel zu kommentieren.

Künstliche Intelligenz ist für ihn ein Werkzeug wie ein Messer, mit dem man am Grill kochen, aber auch Schaden anrichten kann. Entscheidend sei, wer es mit welchem Antrieb einsetzt. Er warnte zudem davor, wie freimütig Menschen inzwischen ihre privatesten Fragen, etwa zur Gesundheit, in KI-Systeme schreiben.

Meine Einordnung

Für mich als Unternehmer ist dieses Gespräch keine reine Medienfrage. Ich sehe im eigenen Geschäft, dass Verkaufen im Netz schwieriger wird, weil Menschen vor allem Vertrauen suchen und genau dieses Vertrauen durch gefälschte Inhalte unter Druck gerät. Das persönliche Gespräch gewinnt dadurch wieder an Wert. Die Flut habe ich selbst in Engelskirchen erlebt, wenn auch nur aus der Ferne, weil wir im Urlaub waren. Menschen, die ich dort kenne, sagen mir bis heute, dass vieles nicht erledigt ist. Umso mehr braucht es Leute, die hinschauen und berichten, auch wenn es sich wirtschaftlich kaum noch rechnet. Ich nehme aus dem Gespräch mit, dass wir als Leser selbst Verantwortung tragen: Quellen prüfen, auch einmal längere Texte lesen und unabhängigen Journalismus bezahlen.

Ein Mensch, der beitragen will

Am Ende habe ich Frank Überall gefragt, wer er ohne Titel und Namen ist. Seine Antwort war kurz: ein Mensch, der hoffentlich etwas zu dieser Gesellschaft beiträgt. Nach diesem Gespräch kann ich sagen, dass er das tut.

Das Gespräch dazu Journalist sagt: Wir versuchen eine bestmögliche Abdeckung der Realität Jetzt anhören →
Geschrieben vonDavid Odenthal Gastgeber von TRIEBWERK

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