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Im Gespräch mit Dr. Gero Karthaus

16 Jahre Bürgermeister: Was Gero Karthaus über Politik gelernt hat

Er saß im Landtag und war 16 Jahre Bürgermeister von Engelskirchen. Ein Gespräch über Mehrheiten, Erreichbarkeit, persönliche Angriffe und die Kunst, an der Seitenlinie zu stehen.

David OdenthalGastgeber von TRIEBWERK 5 Min.
Dr. Gero Karthaus im Gespräch bei TRIEBWERK
Bild: TRIEBWERK Podcast

Wie fühlt sich Politik an, wenn man nicht von außen über sie spricht, sondern selbst entscheiden und die Folgen tragen muss? Darüber habe ich mit Dr. Gero Karthaus gesprochen. Er war 16 Jahre lang Bürgermeister von Engelskirchen, davor saß er im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Ich kenne ihn seit vielen Jahren, und in dieser Zeit hat er unsere Umgebung geprägt wie kaum ein anderer.

Was mich an diesem Gespräch interessiert hat, war nicht die große Politik der Schlagzeilen. Es war die Frage, wie Führung aussieht, wenn die Menschen, für die man entscheidet, einen beim Einkaufen ansprechen.

Ein Naturwissenschaftler in der Politik

Gero Karthaus ist Biologe, Geograf und Landschaftsarchitekt. Die Natur war immer sein Thema, und sie ist es bis heute: Inzwischen arbeitet er wieder wissenschaftlich im Bereich der Naturkunde. Für die Politik war dieser Hintergrund alles andere als nebensächlich. Gerade in den Kommunen, sagt er, stellen sich heute zahlreiche Aufgaben, die mit dem Klimawandel und mit begrenzten Ressourcen wie Wasser zu tun haben. Wer dann in einer Gemeinde Verantwortung trägt, in der viele unterschiedliche Lebensräume eng beieinanderliegen, für den ist dieses Wissen ein Vorteil.

In seinen knapp drei Jahren im Landtag hat er sich auf genau diese Themen konzentriert und für seine Fraktion unter anderem einen Masterplan Wasser für Nordrhein-Westfalen erarbeitet. Fachwissen allein reicht dort aber nicht. Die Dinge müssen vermittelt werden, und vor allem müssen sie Mehrheiten finden.

Warum Entscheidungen Monate dauern

Ich habe ihn gefragt, wie lange so etwas dauert. Die ehrliche Antwort: Bei manchen Themen etliche Monate. Neben der eigentlichen Recherche geht es darum, Verbindungen zu knüpfen, Meinungen einzubeziehen und mit Fachverbänden und Interessenvertretern zu sprechen. Kein Thema sei ihm so kompliziert vorgekommen wie die Gesundheit, weil dort so viele mitreden und Einfluss nehmen wollen.

Was es dafür braucht, beschreibt er so: einen Sachverstand, der Dinge ordnen und das Wesentliche herausarbeiten kann, viele Kontakte, soziale Kompetenz und eine große Beharrlichkeit. Für jemanden wie mich, der aus der freien Wirtschaft kommt, ist das ein anderes Tempo. Aber es erklärt, warum vieles, das von außen träge wirkt, in Wahrheit Abstimmungsarbeit ist.

Bürgermeister in einer Gemeinde, in der man jeden kennt

Mitten in der Legislaturperiode kam die Frage, ob er sich vorstellen könne, als Bürgermeister zu kandidieren. Er konnte, wurde gewählt und schied aus dem Landtag aus. Danach trat er zweimal erneut an, insgesamt drei Wahlperioden und 16 Jahre.

Engelskirchen hat rund 20.000 Einwohner. In einer Gemeinde dieser Größe kennt man viele Menschen persönlich, und man ist überall Bürgermeister. Im Supermarkt heißt es dann: Wo ich dich gerade sehe, das Spielgerät am Spielplatz ist kaputt. Für Gero Karthaus ist das keine Last, sondern Teil des Auftrags. Die Menschen in der Gemeinde seien der Arbeitgeber, sie hätten mehrheitlich entschieden, wer die Aufgabe übernimmt.

Besonders hängen geblieben ist mir, was er über Rückmeldungen sagt. Nicht alles lässt sich sofort erledigen, und nicht alles lässt sich versprechen. Entscheidend sei, dass die Menschen wissen, dass ihr Anliegen angekommen ist, und dass sie nach einigen Wochen noch einmal eine Nachricht bekommen. Das Schlimmste sei der Eindruck, es habe niemanden interessiert. Das gilt für jedes Unternehmen genauso.

Wenn es persönlich wird

Ein Teil des Gesprächs ging mir besonders nah. Gerade zu Beginn seiner Amtszeit gab es aus der politischen Konkurrenz Versuche, abseits der sachlichen Ebene Dinge in die Welt zu setzen. Das hat seine Kinder erreicht, auch in der Schule. Solche Erlebnisse hallen nach, sagt er, bei ihm und in der Familie.

„Wenn man in die Politik geht, darf man nicht empfindlich sein. Nur wenn es wirklich in Dinge hineingeht, die an den Haaren herbeigezogen sind und in die Welt gesetzt werden, nur um jemandem zu schaden, dann wird es sehr unangenehm.“

Auf meine Frage, ob ein offenes Gespräch mit dem Gegenüber helfen kann, antwortet er klar: Das sollte immer der erste Versuch sein, auch wenn es für beide Seiten schwierig ist. Gerade auf kommunaler Ebene, wo man sich noch persönlich kennt, könne das gelingen.

Loslassen und an der Seitenlinie stehen

Nach drei Amtszeiten hat er sich entschieden, nicht noch einmal anzutreten. Er wollte mehr Zeit für die Familie und für Dinge, die lange zurückstehen mussten. Der erste Tag danach fühlte sich an wie Urlaub. Ein Vakuum sei es trotzdem nicht geworden: Er besucht weiterhin Vereine und Jubiläen, weil er sich den Menschen verbunden fühlt, die er lange begleitet hat.

Schwer fällt ihm etwas anderes. Wenn er durch die Gemeinde fährt und sieht, dass etwas längst hätte erledigt sein müssen, muss er sich sagen, dass das nicht mehr seine Aufgabe ist. Er gibt offen zu, dass er nicht überall gut loslassen kann. Ich glaube, das kennt jeder, der etwas lange verantwortet hat.

Meine Einordnung

Das Gespräch mit Gero Karthaus hat für mich drei Dinge deutlich gemacht.

Erstens: Politik vor Ort ist unmittelbarer als jede andere Ebene. Ein ungepflegter Park oder Mängel in einem Klassenraum wirken sofort, und die Menschen erwarten, dass sich etwas tut. Das ist anstrengend, aber es ist auch die Ebene, auf der man am direktesten etwas bewegen kann.

Zweitens: Gute Führung zeigt sich in der Vorbereitung. Ein Bürgermeister, dessen Rat am Ende sagt, man wisse noch nicht, wie etwas laufen soll, hat seine Arbeit nicht gemacht. Das lässt sich eins zu eins auf jedes Unternehmen übertragen.

Drittens: Engagement entsteht, wo Menschen gefragt werden. Wer früh beteiligt wird, gerät nicht so leicht in das, was er die Motzspirale nennt. Wer seine Heimat schätzt, setzt sich auch für sie ein, und genau diese positive Spirale ist für ihn die beste Grundlage gegen Ausgrenzung.

Ein neugieriger Mensch

Zum Schluss habe ich ihm meine Frage gestellt, die ich jedem Gast stelle: Wer bist du ohne deine Position und ohne deinen Namen? Er beschreibt sich als neugierigen Menschen, der gern bei seiner Familie ist und sich für die Entwicklung seiner Heimat und ihre Natur begeistert. Dazu gehört auch das Windloch, die größte Höhle Nordrhein-Westfalens, die unter Engelskirchen entdeckt wurde.

„Ich habe immer scherzhaft gesagt, ich war der einzige Bürgermeister Nordrhein-Westfalens, dem seine Unterwelt wichtig ist.“

Vielleicht ist das die schönste Zusammenfassung von 16 Jahren im Amt: ein Mensch, der seine Gemeinde bis in die Tiefe kennen wollte.

Das Gespräch dazu · Folge 07 Wie Politik wirklich funktioniert: Dr. Gero Karthaus über Macht, Verantwortung und persönliche Angriffe Jetzt anhören →
Geschrieben vonDavid Odenthal Gastgeber von TRIEBWERK

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