Herzlich willkommen bei dieser Episode vom Podcast Triebwerk. Heute habe ich einen Gast eingeladen, der mir besonders imponiert hat und eigentlich sogar die 16 Jahre, die ich ihn zumindest schon kenne, sehr viel Einfluss in unserer Umgebung hatte. Dr. Gero Karthaus ist nicht nur Bürgermeister von Engelskirchen gewesen, sondern er hat auch im NRW Landtag gesessen. Er hat dreimal Erdrutschartig gewonnen mit 60, 75 und 80 Prozent in drei Dekaden, wenn ich das richtig im Kopf habe. Er ist Biologe, Geograf und Landschaftsarchitekt. Gero, wie passt das zusammen? Ja, ich hatte immer großes Interesse an der Natur. Naturwissenschaften waren immer mein Ding und dann lag es nahe, dass ich mich auf ein Biologiestudium, Geografiestudium konzentriert habe und insofern war das Thema Naturschutz, Umweltschutz dann auch sehr aktuell und das erfüllt mich bis heute, diese Aufgabe, denn inzwischen arbeite ich auch wieder mehr wissenschaftlich im Naturkunde-Bereich und das war auch eine gute Grundlage in der Tat, um im Landtag Nordrhein-Westfalen Politik mitmachen zu können, aber auch für meine Tätigkeit als Bürgermeister war dieser Hintergrund alles andere als unwichtig.
Okay, warum unwichtig? Warum nicht unwichtig, so ist es richtig? Weil sich gerade in den Kommunen und das hätte man früher gar nicht gedacht, zahlreiche Aufgaben stellen, die mit dem Klimawandel zu tun haben, die mit der Begrenzung von Ressourcen zu tun haben, mit Faktoren und wichtigen Rohstoffen wie Wasser und das erreicht einen und wenn man dann auch das Glück hat, in einer Gemeinde verantwortlich zu sein, die quasi ein biologischer Hotspot ist, weil viele unterschiedliche Lebensräume eng beieinander liegen, dann ist das ein willkommener Hintergrund. Okay, das verstehe ich und dann bist du ja auch Bürgermeister geworden, richtig?
Dadurch, wie ist das dazu gekommen, weil du warst ja zuerst im Landtag von NRW und was war deine Arbeit da? Warst du da auch in diesem Bereich unterwegs? In den knappen drei Jahren, die ich im Landtag Nordrhein-Westfalen war, habe ich in der Tat auch mich auf Weltgesichtspunkte, auf die Arbeit im entsprechenden Fachausschuss und letztendlich auch im Hintergrund darauf konzentriert. Ich habe beispielsweise einen Masterplan Wasser für Nordrhein-Westfalen für meine Fraktion erarbeitet und das war eine super Grundlage, die dann auch zahlreiche Auswirkungen gehabt hat, weil wenn man fachlich Dinge erarbeitet, liegt es nahe, dass dann vor diesem Hintergrund Anträge gestellt werden, die dieses Thema nach vorne bringen sollen und das ist auch passiert, genau wie mit anderen Themen.
Also das passt schon und das ist in der Landes- und Bundespolitik durchaus willkommen, dass Fachleute da sind, die diese Themen aufarbeiten können, unabhängig von der Hintergrundarbeit durch Referenten und anderes Personal. Aber das ist längst nicht alles, denn diese Dinge müssen vermittelt werden und entscheidend in deiner Demokratie, sie müssen Mehrheiten finden. Und das, glaube ich, ist auch ein zäher Prozess. Du hast gerade gesagt, dass du natürlich Einfluss haben wolltest, um Dinge zum Positiven zu verändern. Jetzt ist das natürlich, ich glaube für den normalen Menschen, der jeden Tag zur Arbeit geht, der in der freien Wirtschaft arbeitet, das ist ja schon ein Unterschied.
In Konzernen brauchen die Sachen auch lange, das weiß ich. Wie stelle ich mir das in der Politik vor? Du hast gesagt, du brauchst Mehrheiten, du möchtest Dinge gerne zum Beispiel im Bereich der Umwelt entscheiden. Jetzt hast du da einen Masterplan vorgelegt. Von welcher Dauer sprechen wir da? Das kann je nach Thema und Umfang von Recherchen und Vorarbeiten doch auch lange dauern. Einige Themen bedürfen dann etlicher Monate Vorbereitung, weil neben der einzelnen Fachrecherche dann auch schon zählt, Verbindungen zu knüpfen, Meinungen einfließen zu lassen, mit Lobbyisten zu sprechen, mit Fachverbänden. Ich habe nach meiner Landtagszeit gesagt, ich habe beispielsweise kein Thema kennengelernt, was so kompliziert ist wie das Thema Gesundheit.
Wer da alles mitspricht und beeinflussen möchte, das ist unglaublich und insofern gehört tatsächlich nicht nur ein Sachverstand dazu, der Dinge gut ordnen kann und auch die Essenzen daraus bestimmen kann, sondern es gehört auch ganz viel Kontakt dazu, es gehört soziale Kompetenz dazu und letztlich eine hohe Beharrungstendenz, um Dinge dann durchzusetzen und sie mehrheitsfähig zu machen. Verstehe ich und dann nach drei Jahren hast du gesagt, das ist gut für mich und du bist ja ursprünglich Runderoter, wenn ich das richtig im Kopf habe und dann gehst du nach den drei Jahren, waren das drei Jahre, bist du dann wieder zurück nach Engelskirchen gegangen oder wie war das?
Das war mitten in der Legislaturperiode, denn dann standen die Kommunalwahlen an. Unser alter Bürgermeister ist nicht mehr angetreten und man hat mich dann gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte und das konnte ich mir und insofern habe ich dann kandidiert und nach der erfolgreichen Wahl musste ich dann natürlich aus dem Landtag ausscheiden. Da habe ich eine Frage zu. Du hast gesagt, du bist dann in der Kommunalwahl gewechselt und hat man gesagt, hey Gero, wie stelle ich mir das vor? Hey Gero, machst du das oder wie funktioniert das also für die Zuhörer? Meine Partei, die SPD, kannte mein Wirken auch hier auf kommunaler und regionaler Ebene schon länger und habe zu vielen guten Kontakten, die hier vor Ort politisch aktiv sind und insofern war das ja die Basis dafür, dass man mir das zutraute und gesagt hat, der wäre ein geeigneter Mensch, um unsere Gemeinde nicht nur gut zu verwalten, sondern zu gestalten und sich den Aufgaben zu stellen, die jetzt und zum damaligen Zeitpunkt vorlagen.
Und dann, so wie ich das für mich auch recherchiert habe, bist du ja dann über drei Wahlen hinweg geblieben. Genau, ich habe zweimal wieder kandidiert nach der ersten Wahl und das sind dann drei Legislaturperioden gewesen und insgesamt 16 Jahre. Das ist schon Wahnsinn. Ich weiß nicht, gibt es da draußen in Deutschland andere Bürgermeister, die länger geblieben sind? Doch, das gibt es schon. Also ich denke mal, in Bayern wird es mit einigen geben, die das wirklich Lebensaufgabe gemacht haben. Nein, also drei Wahlperioden haben wir auch hier im oberbergischen, im bergischen durchaus, auch vier Wahlperioden. Die Lebensläufe sind unterschiedlich, wie Menschen da hinkommen.
Insofern gehört schon ein bisschen Lebenserfahrung dazu. Deshalb ist es selten, dass jemand, ich sage mal, unter 30 Bürgermeister wird. Würde man diesen Menschen unter 30 die Erfahrung zusprechen, dass sie das könnten? Die Erfahrung ist sicherlich dann der Faktor, der am geringsten ausgeprägt ist, aber es gibt auch Menschen unter 30, die das können. Ja, ich will es dir nicht absprechen, aber ich stelle mir das halt gedanklich vor. Also ich glaube, Bürgermeister, Politiker und vor allen Dingen auch Regierungsarbeiten stelle ich mir immer vor, dass das müssen ja Menschen sein, die auch Lebenserfahrung mitbringen. Also in meiner Wahrnehmung.
Natürlich auch irgendwo in einer Fachrichtung Ahnung von etwas zu haben, halte ich persönlich für sehr wichtig. Also ich könnte jetzt nicht über das Thema Mathematik referieren, wenn ich nicht, war nicht der beste Notenschreiber da drin. Also ich glaube, das wäre für mich der falsche Beruf und ich würde dafür nie stehen. Also so stelle ich mir das halt dann einfach vor. Aber mal zur Frage des Bürgermeisters zurück. Das ist ja für mich ganz weit weg. Freie Wirtschaft, Bürgermeister, das hört sich gut an. Wie ist das denn, wenn man das erste Mal gewählt wird, so der erste Tag nach der Wahl? Wie fühlt sich das als Bürgermeister an?
Ich würde sagen, genauso als wenn man im normalen Berufsleben den ersten Tag in einer neuen beruflichen Aufgabe dasteht. Hier war es so, dass ich eine Reihe der Menschen schon kannte, weil ich ja hier in unserer Gemeinde auch groß geworden bin, wohne und auch mich ehrenamtlich engagiert habe. Dann kennt man zumindest die eine oder den anderen. Aber die Abläufe dann tatsächlich neu beurteilen zu können, die Verantwortlichkeit da selbst zu koordinieren und vorzugeben, das ist schon spannend und letztendlich herausfordernd. Aber als neugieriger Mensch fühlt man sich dann erstmal wohl. Was war das Erste, was du machen musstest oder was ist die erste Aufgabe gewesen?
Die erste Aufgabe lag darin, die anstehende erste Ratssitzung für den neuen Rat zu strukturieren und vorzubereiten und dann ist es natürlich auch gut, wenn man in einer Verwaltung erfahrene Fachkräfte hat, die dann auch genau wissen, auf welche Formalitäten es ankommt, denn die begleiten einen immer und die kann man halt nicht komplett abschütteln und dann ist gut, wenn man zumindest das Gerüst kennt und vorgegeben bekommt, um dann eben daran selbst Arbeit zu machen. Was mich ja auch interessiert ist so ein bisschen, du hast ja plötzlich, ich glaube Engelskirchen hat rund 20.000 Menschen und das verteilt sich über mehrere Dörfer und gerade als Bürgermeister, deine erste Aufgabe, Aufgaben machen ist ja so ein bisschen auch, du machst an einer Stelle vielleicht mehr, weil es da einfacher ist.
Also ich kenne das aus meiner Arbeit, dass man Dinge priorisiert, die gerade schnell gehen vielleicht, die auch nicht großen Aufwand brauchen. Da hast du aber dann ja, bei mir ist das ja rein technisch, das ist einfach. Also du entscheidest nachdem, welchen Einfluss das auf vielleicht das Wirken einer Webseite hat etc. Bei dir hat das aber mit Menschen zu tun als Bürgermeister und wenn du dich an einer Stelle für eine Aufgabe aufbringst und diese erledigst, dann ist es ja zwangsweise so, dass du an der anderen Seite vielleicht manche Bürger unzufrieden gemacht haben kannst, weil die sich vielleicht nicht gerade in dem Moment an erster Stelle gefühlt haben.
Ist das auch so, macht das, was macht das mit einem? Also man will ja doch als Bürgermeister für alle gleich gut da sein, oder? Also ich gehe davon aus, wie fühlt sich das an, wie geht man in ein solches Gespräch, wenn man dann vielleicht einen aufgebrachten Bürger hat, der sagt, warum hast du nicht das zuerst gemacht, das war doch nahbar. Aber es ist ja eine Meinung von jemand anderem, muss jetzt nicht zwangsweise relevant sein für den Moment, weil du triffst die Entscheidung. Wie ist sowas? Also das interessiert mich, das ist ja Führung. Ja, erst mal ist es so, dass tatsächlich die Menschen in der Gemeinde der Arbeitgeber sind.
Die haben mehrheitlich gesagt, der soll unser Bürgermeister sein und das ist dann zunächst mal eine Verpflichtung dabei. Und wenn das klar ist, dann zählt auch dazu, dass man weiß, dass man jederzeit ein offenes Ohr haben muss, auch in welcher Situation man ist, wenn Bürger den Bedarf haben aktuell. Und dann gibt es Aufgeregtheiten und es gibt Menschen, die stehen vor der Tür und sagen, ich muss jetzt den Bürgermeister sprechen, das gehört dazu. Und das ist schon ein großes Anliegen und schwingt immer mit, dass man sich selbst sagt, du möchtest für die Menschen da sein, du möchtest erreichbar sein und für jeden ein offenes Ohr haben.
Das fällt nicht immer einfach. Es gibt auch Menschen, wo es manchmal immer schwerer fällt zuzuhören, aber das zählt auch dazu. Und in einer 20.000-Einwohner-Gemeinde ist es dann so, dass man tatsächlich sehr viele noch selbst kennt. Und dann ist es klar, egal wo man ist, man wird in der Funktion als Bürgermeister angesprochen und selbst beim Einkaufen, beim Rewe oder beim Aldi heißt es dann, hör ins, wo ich dich gerade sehe. Jetzt kümmere dich mal bitte darum, Spielgerät kaputt am Spielplatz, Schlagloch in der Straße, Mülltonne wird nicht abgeholt, um einzelne Banitäten vielleicht mal... Aber das kann man ja auch, ja gut, Mülltonne schon, aber es gibt ja Dinge, da kann es jetzt auch nicht sagen, das mache ich direkt morgen, sondern das dauert ja dann auch wieder Zeit.
Aber wichtig ist, ein Feedback zu geben, dass die Menschen wissen, das ist angekommen, der hat sich wirklich darum gekümmert. Ich kann nicht alles dann versprechen und einiges klappt dann wirklich nicht direkt. Aber wenn ich sage, pass mal auf, das ist angekommen und mir das auf Wiedervorlage lege und sage, dann muss man in fünf Wochen aber noch mal nachhaken und dann kriegt er wiederum eine Nachricht, das macht schon ganz viel aus. Das Schlimmste, was passieren kann, ich habe den Leuten gesagt, oh, hat den anscheinend nicht interessiert, ich habe wirklich nie mehr was gehört. Aber wie gehst du damit um? Gab es, ich meine, ich habe das jetzt nicht so mitgekriegt, weil ich doch unternehmerisch viel unterwegs war, auch so öffentliche Sitzungen, wo man dann zu Themen auch mal sich äußern durfte.
Hat wer, ne? So was gibt es, ne? Das heißt, du kannst auf eine Sitzung kommen rein, wir unterhalten uns darüber, was dich stört, unabhängig von der Frau, die im Hit vielleicht Hörens sagt, was man hier im Bergischen dann öfter sagt. Es gibt in der Regel bei jeder Ausschusssitzung, aber auch im Rat, einen Tagesordnungspunkt, wo sich Bürger melden können und ihr Anliegen vortragen. Wird das gut besucht? Das wird hin und wieder in Anspruch genommen, nicht häufig. Es gibt dann durchaus häufig die gleichen Gesichter, die das machen, die dann ein Anliegen haben. Manchmal haben sich Menschen verrannt, in der Tat, und kommen aus ihrer Schleife nicht mehr raus.
Aber was man wirklich attestieren kann, es ist den Menschen ein Bedürfnis und wenn sie da vortragen, dann merkt man, dass sie oft bewegt sind. Und dem einen fällt es nicht so leicht, wie dem anderen, da vor der Öffentlichkeit vorzusprechen. Man muss natürlich aufpassen, es gibt hin und wieder auch mal Dinge, die dann im persönlichen Bereich abgleiten. Das ist dann auch ein sensibles Handling, wie man dann in der Öffentlichkeit mit solchen Beiträgen umgeht. Okay, das heißt, du hast im Laufe dieser 16 Jahre, die du da warst, Ups and Downs, wie man so schön sagt, also die Dinge erlebt, dass Menschen hinzukommen, sich vielleicht an der Schleife fühlen und die Dinge vielleicht nicht erledigt finden.
Einerseits, andererseits hast du Dinge schaffen können. Ich glaube, deine Vita, gerade als Bürgermeister, ich habe es ja so ein bisschen auch mitbekommen, und das zeigt ja auch, du hast viel geschafft. Und es gibt halt ganz viele Leute, ich komme ja ursprünglich aus Bergisch Gladbach, und da wurde dann oft auch gesagt, irgendwann mal, das passiert eh nicht so, wie du das gerade eben auch erzählt hast, glauben die Menschen, dass die Dinge halt nicht so funktionieren, wie sie sich das wünschen. Ich glaube, in der Kommunalpolitik ist das ein bisschen anders, wie auf Landesebene und noch mal ganz anders, wie im Bund.
Nur um den Menschen mal das Verständnis zu bringen, du hast die Erfahrung, du warst im Land, und ich glaube, auf Bundesebene ist es noch mal schwerer. Ich glaube, wir Bürger haben überhaupt gar keine Einsicht da rein. Wir sehen nur, die Dinge laufen gut oder schlecht, wir können jetzt über Wirtschaft reden, möchte ich aber gar nicht so sehr tief. Wie aber betrachtest du das mit deiner politischen Vorerfahrung? Also es ist genau so, dass je höher die Ebene ist, der Einfluss weniger direkt ist. Und im Bund bis da Dinge umgesetzt werden oder auch im Land, das ist dann oft doch mit zeitlichen Verläufen versehen, die nicht in den nächsten Tagen liegen, sondern mehr Zeit brauchen.
Und das ist in der kommunalen Ebene, also in den Gemeinden und Städten viel unmittelbarer. Und da sieht man das auch, wenn der Park nicht in Ordnung ist, wenn Müll rumliegt oder die Mängel in den Klassenräumen der Schule einen Umfang einnehmen, dann hat das direkte Auswirkungen. Und dann erwarten die Menschen auch, dass sich da was tut. Und da zählt nicht, wir müssen erstmal eine gesetzliche Grundlage schaffen, das geht hier konkreter. Oft ist in den Kommunen finanzieller Hintergrund dann ein einschränkendes Element. Aber das ist unmittelbarer. Und wenn irgendwas dauerhaft im Argen liegt, dann wirkt sich das aus.
Und wenn man dann natürlich als Bürgermeister oder Bürgermeisterin mit seiner Familie dort vor Ort lebt, dann hat man es ja. Dann hat man da jeden Tag mit zu tun. Und dann fragen einen die eigenen Kinder, Papa, wie sieht es denn aus? Wieso bleibt das so? Und wieso tut sich da nichts? Oder die Schwiegereltern oder wer auch immer im Freundeskreis. Aber hat das so einen Einfluss bis in die Familie rein als Bürgermeister, dass man sagt, okay, also bei dir war es jetzt nicht so, dass man aber sagen kann, okay, ich fühle mich gerade sehr unwohl. Oder dass die Kinder wirklich das auch mitbekommen, dass sie auch mit hineingezogen werden.
Ist das wirklich so? Doch, absolut. Das habe ich sehr oft erlebt. Gerade am Anfang meiner Arbeit gab es aus der politischen Konkurrenz doch den einen oder anderen Versuch, abseits der sachlichen Ebene Dinge in die Welt zu setzen. Und das hat meine Kinder erreicht. In der Schule etc. Das geht überhaupt nicht. Und das sind Dinge, die hallen nach. Nicht nur bei mir, auch in der Familie. Das sind Erlebnisse, die nicht schön waren und die man hofft, dass es auch Kolleginnen und Kollegen hoffentlich nicht so erleben. Jetzt, dann darf ich die Frage stellen, was macht das mit dir als Mensch? Weil du bist ja, die Menschen da draußen vergessen.
Ein Bürgermeister hat, ist eine Autorität. Der hat, ist gewählt worden. Man hat sich da als Mehrheit zu entschieden. Dann hat man das auch mitzutragen. Das ist die Gesellschaft. Dann funktionieren die Dinge gut, sie funktionieren schlecht. Das kann immer passieren. Das ist menschlich. Jetzt bist du aber auch Mensch. Du bist nicht nur Bürgermeister. Du lebst dort. Du sagst, die Kinder haben letztendlich irgendwo darunter gelitten. Was macht das mit dir als Vater, als Mensch? Das macht einen unglaublich sauer und betroffen. Und das hallt nach. Kommt immer darauf an, was man für ein Typ ist. Und ja, aber es fällt schwer, das zu vergessen.
Und eins ist klar, wenn man in die Politik geht, darf man nicht empfindlich sein. Nur wenn es wirklich in Dinge hineingeht, die an den Haaren herbeigezogen sind und in die Welt gesetzt werden, nur um jemanden zu schaden, dann wird es sehr unangenehm. Und das beschäftigt einen sehr. Das gilt auf jeder Ebene. Würdest du sagen, wenn man den Menschen darauf anspricht, dass sich das ändern würde, dass er vielleicht die Ansicht, die Perspektive verändert? Also ich bin ein Freund von offener Kommunikation. Das machen wir in unserem Beruf auch so. Gerade als Verhaltensökonom heißt es ja für mich, ich gehe auf den anderen zu und ich versuche, das zu klären.
Glaubst du, das ist in der Ebene schwer? Gerade weil der Mensch, der andere sagt, das ist doch Bürgermeister und ich bin jetzt hier, wer auch immer, aber nicht Bürgermeister, aber ich meine mich da jetzt mal rein oder vielleicht von der gegnerischen Partei, wie auch immer, da jetzt irgendwas zu tun, was ihm schaden könnte, ihn darauf anzusprechen und zu sagen, lass uns das lösen? Das ist sicherlich eine Möglichkeit, die immer als Erste genutzt werden sollte. Und das ist für beide Parteien schwierig. Für den, ich sag mal, Angreifer als auch für den, der sich verteidigt. Aber das sollte man probieren. Ob das dann eine Basis findet, ob andere Dinge das überlagern, das muss man abwarten.
Aber das kann gerade im kommunalen Bereich, wo man sich noch eher persönlich kennt, durchaus geeignet sein. Ja, das wäre die sinnvollste Art und Weise. Ich glaube, politisch auf Bundesebene ist es da noch was schwerer. Aber gerade dann, wenn man schon nebeneinander wohnt, in Anführungszeichen unter 20.000 Menschen, halte ich das für sehr sinnvoll. Wir haben ja eben festgestellt, du bist 16 Jahre da gewesen. Ich glaube, die Zahl habe ich jetzt schon öfter gesagt. Wir haben eben gesagt, wie war der erste Tag? Wie war das für dich? Ich glaube, beim dritten Mal bist du mit 80 Prozent rund gewählt worden. Als du gesagt hast, so, ich mache das nicht mehr.
Erste Frage, warum nicht mehr? Und die zweite Frage, wie hat sich der erste Tag angefühlt, nicht mehr Bürgermeister zu sein? Also irgendwann sagt man auch, jetzt kommt eine Lebensphase, da möchte ich doch mehr der Familie zur Verfügung stehen, möchte mehr den Dingen sich wieder widmen, die lange zurückgestanden haben. Und das war dann bei mir jetzt der Fall. Man sagt so, pass mal auf, auch die körperliche Leistungsfähigkeit zeigt erste Risse. Und insofern war die Entscheidung dann klar, da nicht nochmal die nächsten fünf Jahre einfach dran zu hängen. Und der erste Tag war erstmal wie Urlaub. Man sagte, pass mal auf, heute stehen keine Termine an.
Übrigens, das ist nicht so, dass man damit dann hinterher nichts mehr zu tun hat. Jetzt rund fast ein Jahr nach dem Eintritt in den Ruhestand, habe ich gerade, heute Abend gehe ich zu einem Chorjubiläum, weil ich mich den Menschen, die da in einem Ort singen und ihr Jubiläum verpflichtet fühle, weil ich die lange begleiten durfte und ein gutes Miteinander da war. Und dann möchte ich ihnen auch das beweisen, dass ich sage, ich denke an euch weiter, ich bin euch verbunden und ich bin dabei, wenn ihr feiert. Das ist dann so, dass man auch danach, und das gilt für viele Vereine und Kontakte, dass das weiter pflegt. Insofern ist da nicht ein riesen Vakuum, in das man fällt, aber es ist schon völlig anders.
Und das gilt für viele Personen, die von einem Job, der eben nicht die acht Stunden an fünf Tagen in der Woche ist, sondern rund um die Uhr, dass man dann auch eine Strategie finden muss, dass man weiß, ich gestalte meinen Tag anders. Und was mir tatsächlich nicht immer leicht fällt, an der Seitenlinie zu stehen, wenn ich durch unsere Gemeinde fahre oder sehe irgendwas, da müsste man doch schon längst vom Bauhof tätig geworden sein. Ja, dann gehört das auch dazu, zu sagen, das ist jetzt nicht mehr deine Aufgabe. Das passt, weil ich wollte gerade die Frage des Loslassens stellen, aber du hast gesagt, an der Seitenlinie stehen ist so schwer.
Als Bürgermeister kann man da eigentlich, noch mal zurückkommend zu den 16 Jahren, kann man da die Dinge wirklich entscheiden oder ist da sehr viel Entscheidung im Gremium notwendig? Oder kann es halt einfach so sein, also Mülltonne, ich denke, das ist das kleinste Problem, aber kann man da wirklich sagen, so das muss jetzt mal echt gemacht werden? Ja, das kann man. Man kann viele Dinge, das sind natürlich im Wesentlichen kleinere Dinge, unmittelbar entscheiden oder im Team, im Rathaus-Team klar dann auch die Dinge so ordnen, dass sie dann von den Kollegen erledigt werden. Aber wenn andere Gremien entscheiden, ist das auch eine Aufgabe des Bürgermeisters, durch gute Vorarbeit diese Entscheidungen klar zu suchen.
Also wenn ein Rat was entscheiden muss, dann wäre es eine schlechte Arbeit des Bürgermeisters, wenn der Rat dann sagt, ja, aber wir wissen doch noch nicht, wie das laufen soll, wie auch immer. Man versucht dann eben die Entscheidung so vorzubereiten oder auch vorher mit den politischen Partnern zu sprechen, dass eben die Dinge möglich durchlaufen. Das ist natürlich nicht immer möglich. Insofern kann man das auch beeinflussen im positiven Sinne, wenn andere Gremien entscheiden. So und jetzt, wo du raus bist, kannst du sagen, du kannst gut loslassen? Nochmal zum Thema Seitenlinie zurück. Geht das? Geht das wirklich?
Ich persönlich kann nicht immer gut loslassen. Es gibt Bereiche, da kann ich gut loslassen. Andere Bereiche, wo ich den Weg vielleicht gefährdet sehe, der aus meiner Sicht logisch wäre, da kann ich vielleicht nicht so gut loslassen. Und wenn du jetzt so an unsere Gemeinde denkst, das ist ja kommunale Arbeit, was würdest du den Menschen für die nächsten zwei Jahre mitgeben wollen? Was vor allen Dingen auch politisch, das finde ich zum Beispiel sehr interessant, sich wieder mehr einzusetzen für ein gutes Miteinander aus deiner Perspektive. Was würdest du diesen Menschen mitgeben wollen? Also den normalen Menschen jetzt nicht.
Ich weiß nicht, in der Politik sind die Menschen unnormal, aber entschuldige mich für diesen Begriff, aber den Menschen da draußen zu sagen, so guck mal politisch, weil du hast diese Perspektive, was würdest du den Menschen da draußen mitgeben? Die nächsten zwei Jahre ist natürlich eigentlich ein sehr kurzer. Insofern gilt aber dafür, wenn jemand seine Heimat wertschätzt und sich mit seiner Familie vor Ort wohlfühlt, dann ist der Weg kurz, dass diese Wertschätzung sich auch in Engagement ausdrückt. Und das erlebe ich immer wieder. Man muss die positive Spirale entwickeln. Das gefällt mir hier gut und ich würde doch auch da mal mithelfen und so weiter.
Das muss man versuchen ans Rollen zu bringen und das würde ich mir wünschen, dass das weiter gut funktioniert. Und das ist übrigens auch die beste Grundlage gegen Ausgrenzung, gegen Rassismus, gegen das Abgrenzen vorzugehen und den Menschen zu sagen, hier ist gemeinsam eure Zukunft und hier soll auch hoffentlich für eure Kinder eine gute Zukunft kommen. Also das heißt Ehrenamt? Ehrenamt steht oben an. Dabei ist aber auch wichtig, dass man neben dem Ehrenamt auch die Möglichkeit schafft, frühzeitig Dinge mit zu beeinflussen oder gefragt zu werden. Nicht jeder kann alles beeinflussen, aber gefragt zu werden, damit man auch nicht in diese Motzspirale hinein kommt.
Ja, das ist auch immer einfach. Man kann von außen immer motzen, aber letztendlich, wenn man dann sagt, dann ändere doch mal was dran, dann weiß plötzlich keiner mehr, was relevant ist und man äußert sich dann doch nicht mehr dazu. Mir ist vollkommen klar, dass wir hier in der Gemeinde Engelskirchen gegenüber einigen Stadtteilen benachbarte Städte paradiesische Verhältnisse haben. Stabile soziales Milieu und wir haben auch die Besonderheit, dass hier in der Politik in Engelskirchen eigentlich nur die vier etablierten Parteien sind und keine Randgruppen dabei sind und das ist schon eine gute Grundlage, aber auch die muss weiter, nicht nur verteidigt, erarbeitet werden.
Und natürlich kenne ich auch diejenigen hier, geht doch alles ein Bach runter, die schnell mit solchen Äußen und dabei sind, wenn man dann mal drei Minuten diskutiert. Ja, nee, eigentlich meine ich das nicht hier, sondern grundsätzlich, dann relativiert sich das schnell, aber auch das macht ja was mit den Menschen. Die Menschen gemeinschaftlich mitnehmen, egal welches Denken, welches Handeln, vielleicht auch mal darauf eingehen, aber ich glaube, das ist derzeit auch ein gesellschaftliches Thema. Also gerade Social Media macht ja vieles kaputt, indem halt es einfacher ist, unter einem Pseudonamen zu meckern, als sich hinzustellen und zu sagen, ich finde, dass die Dinge gut oder schlecht sind.
Das machen ja die wenigsten. Da fehlt ein Rückgrat, muss ich auch dazu sagen, das ist natürlich eine Thematik. Ja, da hast du recht. Gero, wir kommen langsam zum Ende dieser Folge und zum Abschluss der Folge stelle ich immer eine sehr philosophische Frage. Darf ich sie dir stellen? Bitte. Wer bist du ohne deine Position und ohne deinen Namen? Ich bin ein neugieriger Mensch, der gerne in seiner Familie zu Hause ist und der unglaubliches Interesse hat an der Entwicklung seiner Heimat und an der Natur, die ebenfalls seine Heimat auszeichnet. Wie zum Beispiel das, ich glaube, Windloch heißt es. Das Windloch, die größte Höhle Nordrhein-Westfalens, die im Untergrund hier entdeckt worden ist und ich habe immer scherzhaft gesagt, ich war der einzige Bürgermeister Nordrhein-Westfalens, dem seine Unterwelt wichtig ist.
Das gehört alles dazu. Gero, vielen Dank, dass du heute dabei gewesen bist. So, wenn ihr weiter so tolle Gäste in unserem Podcast hören wollt, dann würde ich mich freuen, wenn ihr diesen Podcast abonniert. Und bis dahin wünsche ich euch alles Gute und viel Spaß.