Die Angst vor künstlicher Intelligenz begegnet mir in Unternehmen ständig. Mitarbeiter fragen sich, ob sie bald noch gebraucht werden, und Geschäftsführer wissen oft nicht, wo sie überhaupt anfangen sollen. Darüber habe ich mit Dr. Sandro Kreten gesprochen, den ich seit mehreren Jahren kenne. Er ist Informatiker, hat promoviert und ist heute Geschäftsführer eines Unternehmens, das Privatanlegern ermöglicht, schon mit kleinen Beträgen in ein Portfolio von Startups zu investieren. Nach seinen Angaben ab 100 Euro im Monat oder 1.000 Euro einmalig.
KI als Werkzeug im eigenen Unternehmen
Sandro Kreten wollte nach dem Zivildienst eigentlich Lehrer für Mathematik und Informatik werden. Die Informatik hat ihn dann so gepackt, dass er an der Universität blieb und promovierte. Ab 2015 hat er sich auf den Cloud-Bereich konzentriert, vor allem auf Skalierbarkeit in Verbindung mit Energie- und Ressourceneffizienz. Gemeinsam mit Dr. Ingo Dahm hat er das Unternehmen aufgebaut, das heute in fast 50 Startups investiert ist, überwiegend aus den Bereichen Gesundheit, Bildung und Umwelt und fast immer mit einer digitalen Komponente.
Mit KI arbeitet das Unternehmen nach seinen Worten seit 2019, um die Bewertung von Startups und den Investitionsprozess zu beschleunigen und günstiger zu machen. Der erste Versuch ist allerdings gescheitert, weil schlicht die Daten fehlten. Zusammen mit Studierenden einer Universität in Taiwan mussten sie erst einmal Daten sammeln. Eine Erfahrung, die ich vielen Unternehmen wünsche, bevor sie große Erwartungen an ein KI-Projekt knüpfen.
Erst den Prozess verstehen, dann automatisieren
Sandro Kreten sieht KI als Werkzeug, aber nicht als allmächtiges. Er analysiert zuerst einen Prozess und prüft, wo die KI sinnvoll ist und wo sie keine Fehler macht. Erst danach setzt er sie ein. Den jungen Leuten in seinem Team, die neue Entwicklungen sofort nutzen möchten, erklärt er, warum das nicht immer geht. Es gibt regulatorische Vorgaben, es gibt den Datenschutz, und am Ende trägt er die Verantwortung, wenn etwas schiefgeht.
Ein Beispiel aus seinem Alltag fand ich besonders anschaulich. Für den monatlichen Newsletter stand die Frage im Raum, ob dafür eine weitere Person eingestellt werden muss. Stattdessen hat das Team eine Pipeline aufgebaut, in der eine KI Nachrichten nach festgelegten Kriterien auswertet und einen Entwurf vorbereitet. Verschickt wird dieser Entwurf nie automatisch. Ein Mensch prüft ihn nach dem Vier-Augen-Prinzip. Die Leitplanken für die KI werden Schritt für Schritt nachgeschärft. Sandro Kreten nannte dazu ein ausgedachtes Beispiel: Wenn man der KI sagt, die Teilnahme eines Startups an einer Veranstaltung sei immer positiv, kann sie nicht erkennen, wenn eine Veranstaltung das gerade nicht ist.
Die Angst vor KI ist nicht unbegründet
Ich wollte von ihm wissen, ob die Sorge vieler Mitarbeiter berechtigt ist. Seine Antwort war ehrlich.
„Ja, die Angst ist durchaus begründet. Mit der muss man sich auseinandersetzen.“
Es gebe Tätigkeiten, die sehr mechanisch sind und sich heute viel schneller digitalisieren lassen, weil KI gute Texte schreibt und Dokumente bearbeitet. Aus seiner Sicht sind die Unternehmen selbst gefordert, dieser Angst mit Schulungen und Umschulungen zu begegnen. Wer an einer Stelle schneller wird, braucht an anderer Stelle vielleicht wieder Menschen, um neue Dinge voranzutreiben. Kleine Unternehmen erlebt er als offener, weil sie besonders stark profitieren. Große Unternehmen brauchen Richtlinien und haben längere Wege.
Interessant fand ich seinen Blick in die Geschichte. Als der Heimcomputer Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre aufkam, waren viele Menschen ebenfalls überfordert und hatten Angst um ihren Arbeitsplatz. Damals gab es Lernprogramme im Fernsehen und im Radio. Vielleicht brauchen wir heute wieder solche Angebote für alle, sagt er. Im Unternehmen könne man ähnlich vorgehen wie bei Kampagnen zur Cybersicherheit und zuerst ein Bewusstsein schaffen. Das verlangsamt die Einführung, aber vielleicht ist genau das gesund, damit niemand auf der Strecke bleibt.
Meine Einordnung
Was Sandro Kreten beschreibt, erlebe ich in meiner Beratung immer wieder von der anderen Seite. Unternehmen hören von KI, fangen irgendwo an und wollen am liebsten alles auf einmal mit einem einzigen Werkzeug lösen. Wenn das nicht schnell genug funktioniert, wird das Projekt beerdigt, oder man hält aus Trotz daran fest. Beides kostet Geld und Nerven. Ich halte es für die größte Gefahr, dass sich Unternehmen dabei verzetteln. Die Flut an neuen Werkzeugen ist riesig, und vieles könnte man heute mit etwas Wissen selbst bauen. Sandro Kreten hat dazu einen klugen Punkt gemacht: Was man selbst baut, muss man auch pflegen. Es geht deshalb um Fokus und um Vertrauen in den Anbieter, nicht um die Frage, ob man etwas theoretisch selbst könnte. Für den Mittelstand heißt das für mich, klein anzufangen, aus jedem Schritt zu lernen und irgendwann auch etwas fertig zu machen, statt endlos zu optimieren. Er hat dafür ein passendes Bild aufgegriffen: Ein Flugzeug sollte Flügel haben, bevor man startet, und nicht erst im Sprung von der Klippe gebaut werden.
Offen und kritisch zugleich
Zum Schluss habe ich ihn nach seinem wichtigsten Rat gefragt.
„Offenheit ist kein Widerspruch zu kritischem Denken.“
Er empfiehlt, mit der Haltung an KI heranzugehen, dass sie ein Problem im besten Fall lösen kann, nicht dass sie es lösen muss. Dann ist die Enttäuschung kleiner, wenn etwas nicht passt. Und auf meine Frage, wer er ohne Position und Namen ist, sagte er, er sei jemand mit großer Freude an Innovation und am Lösen von Problemen, ganz gleich ob im Beruf, privat oder auf dem Fußballplatz. Diese Neugier wünsche ich mir für viele Unternehmen, die gerade vor der Frage stehen, wie sie mit KI umgehen sollen.


