Über das Scheitern sprechen Unternehmer selten gern. Dabei liegt genau dort oft der Punkt, an dem sich etwas grundlegend ändert. Darüber habe ich mit Stefan Merath gesprochen. Er ist seit rund 30 Jahren Unternehmer, hat Bücher über Unternehmensführung geschrieben und begleitet mit seinem Unternehmen Unternehmercoach seit vielen Jahren Inhaber von Firmen mit etwa drei bis hundert Mitarbeitern.
Stefan Merath und die Insolvenz als Wendepunkt
Stefan Merath hat Ende der Neunzigerjahre ein Internetunternehmen gegründet. Am Anfang ging es um Websites, kurz darauf entwickelte die Firma ein eigenes Content Management System und arbeitete für namhafte Kunden. Investoren stiegen ein, das Unternehmen wuchs auf 30 Mitarbeiter. Dann kamen der Einbruch der New Economy und, wie er offen sagt, eigene strategische Fehler und Führungsfehler hinzu. Er versuchte, mit 100 bis 110 Arbeitsstunden pro Woche alles selbst zu richten. Er schulte den Vertrieb, verkaufte selbst und sparte Kosten. Keine dieser Maßnahmen änderte etwas daran, dass das Konto immer leerer wurde.
Den eigentlichen Tiefpunkt beschreibt er sehr genau. Anfang 2003 lud er die Bestandskunden ein, um ihnen zu zeigen, dass das Unternehmen weiter für sie da ist. Die Kunden saßen mit verschränkten Armen im Raum. Nach einer halben Stunde wurde ihm klar, dass sie nur gekommen waren, um herauszufinden, wie sie möglichst schmerzfrei aus der Zusammenarbeit herauskommen. 2003 ging das Unternehmen in die Insolvenz.
„Das war für mich, wenn ich rückblickend drauf schaue, das Beste, was mir in meinem Berufsleben passieren konnte.“
Die Insolvenz brachte ihn dazu, sich grundsätzlich zu hinterfragen. Er begann, sehr viele Bücher über Unternehmensführung zu lesen, gründete ein zweites Internetunternehmen und merkte bald, dass ihn das Unternehmersein mehr interessierte als Software. Befreundete Unternehmer, die selbst kurz vor der Pleite standen, baten ihn um Hilfe, gerade weil er diese Erfahrung schon hinter sich hatte. 2007 verkaufte er das zweite Unternehmen, gründete Unternehmercoach und schrieb das Buch „Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer“.
Ehrlichkeit gegenüber sich selbst
Was hat er den ersten Unternehmern geraten, die in derselben Lage waren? Stefan Merath sagt, es sei gar nicht in erster Linie um Methoden gegangen. Entscheidend sei gewesen, dass man in einer solchen Situation meist nicht ehrlich zu sich selbst ist. Man redet sich die Dinge schön und hofft auf den nächsten Auftrag. Er erzählte von einem Unternehmer, der Briefe, die nach Rechnungen aussahen, ungeöffnet in einen Schrank hinter seinem Schreibtisch legte. Hinter solchem Verhalten steckt oft Scham, etwa die Scham, der eigenen Partnerin einzugestehen, dass es finanziell nicht mehr trägt. Sich dem zu stellen, sei der entscheidende Schlüssel. Alles andere sei danach methodische Umsetzung.
Dasselbe gilt aus seiner Sicht für Gesellschafter, die sich nicht mehr verstehen. Statt einen weiteren Strategieworkshop anzusetzen, müssten sie sich eingestehen, dass nicht die Strategie das Problem ist, sondern ihre Zusammenarbeit. Mit der eigenen Insolvenz ist er bewusst offen umgegangen. Sie zu verstecken hätte dauerhaft Energie gekostet. Problematisch findet er nur, wenn jemand die Schuld bei Mitarbeitern, der Bank oder der Wirtschaftslage sucht und keine eigene Verantwortung übernimmt.
Unternehmer, Manager und Fachkraft
In seinem Buch unterscheidet Stefan Merath drei Rollen: den Unternehmer, den Manager und die Fachkraft. Gerade Gründer tragen alle drei gleichzeitig. Die Unterscheidung hält er weiterhin für hilfreich, sieht aber eine Verschiebung. Als er das Buch schrieb, sei die Welt vergleichsweise langsam gewesen. Heute müsse eine Strategie wegen KI, Robotik oder gestörter Lieferketten unter Umständen alle drei bis sechs Monate angepasst werden. Das würde einen Unternehmer allein überlasten. Deshalb müsse Strategiearbeit auf mehrere Schultern verteilt werden, auch in kleineren Firmen. Wo KI sinnvoll eingesetzt werden kann, wisse ein Inhaber mit hundert Leuten oft gar nicht im Detail, weil er die einzelnen Arbeitsplätze nicht genau genug kennt.
Klare Entscheidungen statt Salamitaktik
Ich habe ihn gefragt, wie Unternehmer mit der Angst von Mitarbeitern umgehen sollen, durch KI ersetzt zu werden. Seine Antwort war eine Entscheidung, die er bei Unternehmercoach schon vor drei Jahren getroffen hat.
„Ich habe eine Garantie ausgesprochen, dass niemand wegen KI gekündigt wird.“
Wer seinen eigenen Arbeitsplatz an die KI überträgt, ist für ihn ein besonders wertvoller Mitarbeiter, weil er mitdenkt. Ohne eine solche klare Ansage setze der Angstmechanismus ein. Als Beispiel nannte er eine Mitarbeiterin, die Angebote von Seminarhotels früher mühsam mit einer Checkliste abgeglichen hat. Heute erledigt das eine KI in etwa einer Minute.
Ebenso deutlich wurde er beim Thema Kündigungen in einer Krise. Er hat damals Mitarbeiter in mehreren Schritten entlassen, in der Hoffnung, möglichst viele halten zu können. Bei den Verbliebenen kam nur an, dass in zwei Monaten die nächsten gehen. Sein Rat lautet deshalb, einmal einen klaren Schnitt zu machen und mit dem verbleibenden Team neu aufzubauen. Dafür hilft es, zwischen dem Menschen und dem Unternehmer in sich zu unterscheiden und diesen inneren Konflikt im Gespräch auch auszusprechen. Wer selbst durchgerechnet hat, dass das Unternehmen auch im ungünstigsten Fall durchkommt, kann diese Sicherheit ins Team tragen.
Meine Einordnung
Mich hat an diesem Gespräch vor allem beeindruckt, wie nüchtern Stefan Merath über sein eigenes Scheitern spricht. Ich erlebe in meiner Beratung immer wieder, dass Fehler in Deutschland als etwas gelten, das man sich nicht erlauben darf. Genau das führt dazu, dass Probleme zu lange liegen bleiben. Sein Punkt mit der KI hat mich ebenfalls getroffen. Kurz vor unserer Aufnahme hatte ich einen Termin, in dem ein Programmierer sinngemäß sagte, wenn er ersetzt werden könne, mache er eben nichts mehr. Diese Reaktion ist aus Sicht des Mitarbeiters nachvollziehbar. Sie zeigt aber, dass die Einführung von KI zuerst eine Führungsfrage ist und erst danach eine technische. Wer als Unternehmer keine klare Haltung formuliert, überlässt das Feld der Angst.
Wer bin ich ohne mein Unternehmen?
Zum Schluss habe ich Stefan Merath gefragt, wer er ohne Position und Namen ist. Er hat Philosophie studiert und erzählte von einer Übung, die er jeden Morgen macht. In Gedanken verabschiedet er sich von seinem Unternehmen, von seinem Vermögen und von allem, woran man sich äußerlich festhält. Am Ende sitzt er auf einer grünen Wiese. Zuerst kommt Trauer, danach die Lust, neu anzufangen. Für mich ist das ein starkes Bild für Unternehmer, die lernen wollen, ohne Angst zu entscheiden.


